Willkommen im Honigtopf!

Wenn Sie dies lesen, sind Sie uns "auf den Leim" gegangen oder haben anderweitig davon erfahren. Aber lassen Sie uns vorne beginnen:

Vor einigen Wochen fragten wir uns: Ist es eigentlich möglich, lokalpolitische Ereignisse mit den gleichen Mitteln zu beeinflussen, wie es anscheinend im US-amerikanischen Wahlkampf der Fall war? Und wenn ja, wie effizient? So starteten wir ein Experiment.
Direkt vorweg sei gesagt: Dieses Experiment war nicht politisch motiviert. Alle Nutzerdaten, die anonymisiert gesammelt wurden, wurden gelöscht. Alles ist also gut!

Was haben wir geplant / gemacht?

Wir stellten einen “Honeypot”, zu deutsch Honigtopf, in Form einer kleinen Website auf, auf der man (oberflächlich betrachtet) für oder gegen den geplanten Freiburger Stadtteil Dietenbach abstimmen konnte.











Screenshot der Voting-Website

Eigentlich ging es aber nicht um das Voting, sondern darum, dass sich die Websitebesucher in die Lager “Dafür” und “Dagegen” einsortieren.
Die Methode ist die gleiche, wie sie von zahlreichen “Welcher Klamotten-Typ bist Du?"- oder "Welcher Game of Thrones Charakter bist Du?”-Seiten eingesetzt wird.
In unserem Fall wurde jedoch kein Persönlichkeitsprofil abgefragt, sondern direkt ob der Websitebesucher für oder gegen den “Stadtteil Dietenbach” ist.

Je nach persönlicher Haltung hätten wir nun mittels Onlinemarketing z.B. die Wähler des einen Lagers mobilisieren, also immer wieder an die Wahl erinnern können. Gleichzeitig hätte dem anderen Lager über falsche Berichterstattung (Fake News) vorgegaukelt werden können, dass es gar nicht zur Wahl gehen brauche, da der Ausgang ohnehin schon sicher sei.

Wie kamen die Besucher auf die Seite?

Um Besucher auf die Seite zu lotsen, schalteten wir auf einer eigens erstellten Facebookseite Werbeanzeigen, die als Dark Posts ausgespielt wurden. Das heißt, sie waren nicht auf der Facebookseite direkt, sondern nur für die angesteuerte Zielgruppe sichtbar – in unserem Fall alle Freiburger ab 22 Jahren.

Tipp, falls Ihnen mal wieder etwas komisch vorkommt: Sie können auf Facebook auch die als Dark Post ausgespielten Werbeanzeigen anzeigen lassen - hängen Sie einfach an den Seitennamen ein “/ads/” z. B.: https://www.facebook.com/pg/stadtfreiburg/ads/









Ansicht des Werbeposts

Warum ist jetzt Schluss?

Es war von Anfang an geplant, das Experiment so klein zu halten, dass es zwar verwertbare Ergebnisse liefert, aber keinesfalls reale Auswirkungen hat.

Da uns keine politische Motivation antrieb, haben wir die Entwicklung sehr aufmerksam verfolgt und das Experiment abgebrochen, als unsere Aktivitäten im politischen und medialen Raum relevanten Niederschlag fanden.

Wäre dieses Experiment eine politische Kampagne, wäre es das Ziel gewesen, so viele Effekte in der gewünschten Zielgruppe wie möglich zu erzeugen, um der eigenen Botschaft Gehör zu verschaffen.














Twitter-Konversation von https://twitter.com/sbamueller

Was passierte dann?

Die Entwicklungen und die Dynamik in den ersten zwei Wochen haben selbst uns überrascht, auch weil das aufgewendete Budget denkbar gering war. Hier die Fakten:

217,51 Euro Werbebudget
42.296 Ansichten der Werbeanzeigen (Impressions)
27.904 Personen wurden erreicht
1.448 Personen besuchten die Website
778 Personen nahmen am Voting teil
21 Mal wurde der Werbepost geteilt







Auswertung Facebookwerbung

Was können wir daraus schließen?

Im Rahmen der Aktivitäten seit Anfang Januar sind Facetten zutage getreten, die wenig Neuigkeitsgehalt haben, dennoch erschütternd bleiben:

1. Ein Großteil der Website-Besucher und Social Media Nutzer klickt unreflektiert auf Links und surft dann unbedarft weiter auf unbekannten Websites. 

2. Informationen werden nicht gelesen und oberflächlich reproduziert bzw. multipliziert. Botschaften werden “einfach so” verbreitet, ohne den kompletten Hintergrund zu durchdringen oder gar die Seite besucht zu haben.











Geteilter Inhalt einer Partei-Ortsgruppe

Wie ist die Lösung? Eigentlich gibt es neben klaren Regeln für politische Aktivitäten im Web nur eine andere Lösung für diese Problematik: Medienkompetenz. Wir alle sollten das Thema Medienkompetenz bzw. -bildung gesellschaftlich wie schulisch relevant machen und auf die Agenden setzen. Nur eine medial aufgeklärte Gesellschaft ist immun gegen aggressive Polit-Agitation, wie sie schon heute in neuen Medien zum Einsatz kommt.

Konkret: Bitte lesen Sie, bevor Sie etwas teilen. Informieren Sie sich über Urheber, Motivation und Hintergründe. Nutzen Sie offizielle, vertrauenswürdige Quellen und misstrauen Sie unbekannten Websites, Facebook-Seiten oder Youtube-Kanälen. Seien Sie mündige Bürger_innen!

Und ganz wichtig: Gehen Sie wählen –  vor allem am 24.02.2019 in Freiburg.

Mit freundlichen Grüßen aus dem Neuland

feyka&herr

PS: Bitte fragen Sie uns nicht nach dem Ergebnis des Votings. Wir werden es nicht verraten, da wir keinerlei Einflussnahme beabsichtigen.